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  • Anette Wetterau

Die Geschichte des Hofes Dach in Herleshausen

Aktualisiert: Mai 10

Der heutige Hof Dach nimmt seine Anfänge im Jahr 1861, als der Weichensteller Simon Schaub aus Obersuhl ein Fachwerkhaus in Holzhausen kauft, es an den Ortsrand von Herleshausen versetzt und mit Ehefrau Christiane, geb. Gräfenstein, Tochter des landgräflichen Schafmeisters, bezieht. Scheune und Ställe kommen bis 1865 nach und nach hinzu.


Zum Hof gehören 10 Morgen Land (2,5 ha), davon liegen 3 Morgen direkt hinter der Scheune, nach Süden ausgerichtet. Von den drei Kindern wird der älteste Sohn Karl Lehrer in Ifta, die Tochter Elise heiratet Christian Brack in der Hintergasse. Der zweite Sohn Wilhelm Schaub erlernt das Schreinerhandwerk. Er übernimmt das landwirtschaftliche Anwesen im Hainertor und betreibt es mit seiner Ehefrau Katharina, geb. Schwertzel, im Nebenerwerb. Sie haben zwei Töchter. Während Tochter Anna Schaub den Bauern Wilhelm Baum in der Sackgasse heiratet, übernimmt die jüngere Tochter Elise Schaub den elterlichen Hof.

Das ursprüngliche Wohnhaus des landwirtschaftlichen Betriebs Dach in Herleshausen
Anna und Elise Schaub im Hainertor 27, etwa 1906

Nach dem Reichserbhofgesetz im Jahr 1933 soll ein Betrieb 7,47 ha umfassen, um eine bäuerliche Familie ernähren zu können. Die Siedlungsgesellschaft „Hessische Heimat“ kauft 1936 den westlich von Herleshausen gelegenen Einzelhof Hahnhof nebst 250 Morgen Land vom Landgrafen und verkauft davon Teile an die Bauern. Durch den Zukauf von 15 Morgen, darunter eine 7 Morgen große Fläche an der Eisenbahn, erweitern Elise Schaub, verheiratete Müller, und Ehemann Otto Müller, ein gelernter Bäcker, ihre Flächen auf 9 ha für den Vollerwerb. Der Abtrag wird durch eine sparsame Lebensführung erwirtschaftet. Auf dem Hof ist viel Handarbeit zu verrichten. Die drei Kinder Annemarie, Fritz und Elisabeth werden deshalb frühzeitig als Arbeitskräfte eingebunden. Überwiegend dienen Kühe als Arbeitstiere. So dauert beispielsweise der Weg bis in die Aue zur Feldbearbeitung durchaus eine dreiviertel Stunde. Zu Mittag wird sich unter die Dicke Eiche gesetzt, um die mitgebrachte saure Milch mit Brotbrocken zu verzehren; für die Kinder gibt es Zucker und Zimt darauf, für die Erwachsenen Salz.


Die Milch der vier Kühe wird täglich zu Schmand, Butter, Quark und Kochkäse verarbeitet und zweimal die Woche zusammen mit Speck und Eiern in der Kötze verpackt, mit dem Zug nach Eisenach gebracht, um dort eine feste Kundschaft zu beliefern. Im Lebensmittelgeschäft Schüler werden die Waren eingetauscht gegen Sago, Graupen, Grieß, Zucker und ein Viertelchen Kaffee.


Von den sechs Schweinen werden zwei für den Eigenbedarf geschlachtet und vier verkauft. Die 30 Hühner im angrenzenden Garten bringen das Haushaltsgeld ein. Die erste große Erleichterung tritt durch den Aufbau der Molkereien ein. Die Milch kann fortan zu Sammelstellen im Dorf gebracht werden. Von dort fährt Edwin Lachmann die Kannen mit seinem LKW nach Netra, einer Außenstelle der Molkereigenossenschaft Eschwege. Mit der geplanten Werrakanalisierung und dem Autobahnbau steht ein Landverlust an, wodurch der Erbhof als solcher nicht mehr bestehen könnte. Eine Umsiedlung in den Osten wird von den Nationalsozialisten angedacht.


Da Ehemann Otto sehr zeitig, und später auch Sohn Fritz, in den Krieg einberufen werden, muss die siebzehnjährige Tochter Annemarie Müller mit ihrer Mutter Elise Müller die Landwirtschaft alleine führen. Sie sind Selbstversorger und halten neben den Hühnern noch allerhand Federvieh wie Gänse, Enten und Puten.


Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratet Annemarie Müller den Schmied Georg Dach aus Holzhausen. Aufgrund mangelnder Arbeitsperspektiven an der entstehenden innerdeutschen Grenze entscheidet sich die junge Familie, den Betrieb zu vergrößern, um davon leben zu können. Sie bauen einen Stall für 80 Schweine und 15 Milchkühe. Durch Pacht und Zukauf erweitern sie die landwirtschaftlichen Flächen. Maschinenschuppen werden entsprechend für Schlepper und Gerätschaften errichtet. Es werden Getreide, Klee, Kartoffeln und Rüben, später auch Zuckerrüben angebaut.


Die zwei älteren Kinder verlassen den Hof. Rolf Dach studiert Chemie und arbeitet danach bis zur Rente in der Pharmaindustrie. Anette Dach, verheiratete Wetterau, wird Lehrerin in Herleshausen und engagiert sich Jahrzehnte in der Gemeindepolitik. Der Jüngste ihrer drei Kinder, Sohn Michael Dach, beendet seine landwirtschaftliche Ausbildung als staatlich geprüfter Agrartechniker und ist somit der erste in Agrarwirtschaft ausgebildete Betriebsleiter. Während das Stammhaus für über zwei Jahrzehnte zum Altenteil wird, bewohnt Michael Dach mit Ehefrau Christel, geb. Bicking, einer Bürokauffrau, und den drei Kindern das angekaufte Nachbarhaus. Seit Ende der 1970er Jahre führen sie den Betrieb mit Schwerpunkt Milchviehhaltung im Boxenlaufstall mit Ackerbau und passen ihn jeweils den aktuellen Herausforderungen an. Aufgrund des landwirtschaftlichen Strukturwandels in den letzten 50 Jahren ist der Betrieb Dach mittlerweile der letzte Vollerwerbsbetrieb mit Milchviehhaltung in Herleshausen. Zwei leistungsfähige Kühe werden darin 15 Jahre alt. Um den Betrieb wirtschaftlich zu erhalten, werden die Flächen erweitert. Die Ackerflächen werden mit Getreide, Zuckerrüben, Klee und Mais bestellt. Zusätzlich werden landschaftspflegerische Maßnahmen durchgeführt.


Während die älteste Tochter Mareike Dach, verheiratete Deist, als Beamtin nach Südhessen zieht, leben mittlerweile die zwei jüngeren Geschwister mit ihren Familien in den zwei benachbarten Häusern im Hainertor. Markus Dach, staatlich geprüfter Maschinenbautechniker, und Ehefrau Alexandra Gogler, eine Diplom Sozialpädagogin, renovieren das Stammhaus für ihre fünfköpfige Familie. Die jüngere Schwester Marlene Dach, verheiratete Laufer, studiert in Göttingen Agrarwissenschaften. Sie promoviert im Bereich Phytomedizin, ihr Ehemann Daniel Laufer im Bereich Pflanzenbau und Versuchswesen. Sie kommen zurück nach Herleshausen und ziehen mit ihren zwei Kindern in das elterliche Haus mit ein. Die zwei jungen Familien beleben nun als sechste Generation das Anwesen mit neuen Ideen.

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