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  • Katharina Jacobs

Der Beginn deines Brötchens


Ich kenne Marlene seit unserem gemeinsamen Studium der Agrarwissenschaften. Genauso wie Marlene habe ich vorher eine Ausbildung zur Landwirtschaftlich-technischen Assistentin (LTA) gemacht. Nach dem Studium hat es mich zurück in meinen ehemaligen Lehrbetrieb gezogen. Auf der Zuchtstation auf der ich arbeite, werden u.a. neue Gersten-, Weizen-, und Rapssorten gezüchtet.


Aber was ist eigentlich mit Züchtung gemeint? In Deutschland ist bisher der kommerzielle Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen verboten. In der klassischen Pflanzenzüchtung in Deutschland wird daher auf den Einsatz von Gentechnik verzichtet. Dies bedeutet, dass nur das unveränderte genetische Material der Pflanze für die Züchtung genutzt werden kann, das sich auch im Genpool (Gesamtheit der Erbanlagen) der entsprechenden Art befindet. Durch die Kreuzung zweier Pflanzen (z.B. zweier Weizensorten), die nach Möglichkeit viele wertvolle Merkmale besitzen, sollen Nachkommen entstehen, die diese Merkmale miteinander vereinen. Das hört sich im ersten Moment einfach an, ist jedoch mit viel Arbeit verbunden.



Je nach Kulturart (ob Weizen, Gerste, Futtergräser, Raps, Mais, ….) gibt es verschiedene Zuchtverfahren. So werden in der Raps- und in der Roggenzüchtung hauptsächlich Hybridsorten gezüchtet. Unter einer Hybridsorte versteht man eine Sorte die aus zwei (Inzucht-) Liniensorten durch eine Kreuzung entstanden ist. Die Inzuchtlinien sind genetisch möglichst weit voneinander entfernt und ergänzen sich in ihren positiven Eigenschaften. Hybridsorten können so den Heterosiseffekt nutzen (unter dem Heterosiseffekt versteht man, dass die direkten Nachkommen eine höhere Leistung z.B. im Ertrag erbringen als ihre Eltern) In der Weizen- und Gerstenzucht liegt das Hauptaugenmerk noch auf der Zucht von Liniensorten. Liniensorten entstehen ebenfalls durch die Kreuzung zweier Sorten. Im Anschluss werden die Nachkommen über mehrere Generationen geselbstet (dieses bedeutet, dass sie sich selbst befruchten, dadurch wird das Material reinerbig und spaltet nach einigen Jahren nicht mehr auf. Ob in der Züchtung z.B. Hybridzucht oder Linienzucht angewendet wird, hängt von den Kulturarten ab. Für Kulturarten wie Weizen und Gerste, die Selbstbefruchter (bestäuben sich selbst) sind ist es schwieriger ein Hybridsystem zu entwickeln als für Kulturarten, die Fremdbestäuber (Bestäubung durch andere Pflanzen) sind.

Die Linienzüchtung im Weizen beginnt mit der Kreuzung zweier Sorten, die möglichst viele positive Eigenschaften auf sich vereinen und sich in diesen ergänzen. Unter der Kreuzung versteht man die „Anpaarung“ zweier Sorten miteinander. In der Weizenzüchtung wird ein großes Augenmerk auf die Qualitätseigenschaften, den Ertrag und auf Krankheitsresistenzen gelegt. So wird der Weizen beispielsweise in Deutschland in verschiedene Qualitätsgruppen unterteilt. Es wird unterschieden zwischen E-, A-, B-, C- und K-Weizen (E = Eliteweizen, A = Aufmischweizen, um schlechtere Sorten zu strecken, B = Brotweizen, C = Masseweizen zum Verfüttern, K = Keksweizen). Die Unterteilung in diese Gruppen erfolgt auf Grund der Proteingehalte, des Sedimentationswertes und der Fallzahlen der Mehle, welche die Backeigenschaften bedingen. Hierunter sind u.a. das Volumen, die Porung, die Konsistenz und die Farbe des Brotes zu verstehen. Deshalb erhält der Landwirt z.B. beim Verkauf einer Weizensorte an den Landhändler etwas mehr Geld, wenn er einen Weizen mit A-Qualität anstatt eines Weizens mit B-Qualität verkauft.


Leider korreliert die Backqualität negativ mit dem Ertrag, d.h. eine höhere Qualität bringt häufig einen geringeren Ertrag mit sich. Neben den Backeigenschaften und dem Ertrag sind auch Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge für die Pflanzenzüchtung relevant. Es wird versucht, möglichst gesunde und standfeste Sorten zu züchten, die darüber hinaus auch unter extremen Wetterbedingungen, wie z.B. extremer Trockenheit, ertragsstabil sind.

Rost an Weizen

Die Züchtung beginnt im 1. Jahr mit der Entscheidung, welche Sorten miteinander gekreuzt werden sollen. Das Kreuzen kann im Gewächshaus oder im Feld erfolgen. Für diese Tätigkeit ist viel Fingerspitzengefühl erforderlich, denn eine neue Kreuzung gelingt nur, wenn der „Vater“ und die „Mutter“ zu ähnlichen Zeitpunkten „aufnahmebereit“ bzw. „abgabebereit“ für Pollen sind. Zunächst muss die Mutterpflanze, um eine Selbstbestäubung zu verhindern, vor der Kreuzung kastriert werden, d.h. sie darf keinen eigenen Pollen mehr bilden. Im Weiteren werden von den Vaterpflanzen Ähren abgeschnitten; diese sollten bereits zu blühen begonnen haben, dürfen aber noch nicht verblüht sein. Die Vaterähren werden zusammen mit der Mutterähre in einer Tüte verschlossen, um so die Einstäubung von Fremdpollen zu verhindern. Im Feld erfolgt die Kreuzung im Normalfall zwischen Mitte Mai und Mitte Juni. Im August werden die Mütter geerntet und die Körner einzeln per Hand ausgepuhlt. Als Saatgut wird es im Oktober als F1 (1. Tochtergeneration) ausgedrillt und komplett im darauffolgenden August per Hand geerntet. Diese Ernte wird im nachfolgenden Oktober als F2 ausgedrillt. In der F2 erfolgt bereits eine erste Aufspaltung der Merkmale (nach den Mendelschen Regeln). Aus der 2. Tochtergeneration (F2) werden nach Möglichkeit Pflanzen für die F3 geerntet, die gesünder als andere sind sowie standfester und optisch ertragreicher erscheinen. Ab der F3-Generation (F3 bis F6) werden im Frühsommer (Juni, Juli) Krankheitsbonituren durchgeführt. Es wird u.a. die Anfälligkeit gegenüber Gelbrost, Braunrost, Septoria tritici, Mehltau, Schwarzrost und Ährenfusarium bewertet. Hierfür werden Boniturnoten von 1 bis 9 vergeben, wobei 1 gleichbedeutend mit keinem Befall ist. Außerdem wird die Wuchshöhe und die Lageranfälligkeit (Standfestigkeit) ermittelt bzw. bewertet.

Bonitur der einzelnen Weizenparzellen

Anhand dieser Bonituren kann der Züchter entscheiden, welche Nachkommen für die nächste Generation geerntet werden sollen und welche verworfen werden müssen.


Ab der 5. Tochtergeneration (F5) ist es möglich, ausreichend Saatgut zu ernten, so dass neben einer Beobachtungsparzelle auch Ertragsparzellen angelegt werden können. Hierdurch ist es möglich, das Ertragspotential einer potenziellen Sorte einzuschätzen. Darüber hinaus wird auch ein Teil des Erntegutes vermahlen und im Labor auf seine Backeigenschaften untersucht.


Am Ende einer Züchtung, nach etwa 8 Jahren, ist die Zulassungsverhandlung mit dem Bundessortenamt. Jedes Jahr wählt der Züchter einige vielversprechende Kandidaten für die 3jährige Wertprüfung des Bundessortenamtes aus. Die dort angemeldeten Sorten werden hinsichtlich Krankheitsanfälligkeit, Qualität und Ertrag bewertet und nur die Besten, die auch im Vergleich zu bereits zugelassenen Sorten einen Mehrwert in der Gesamtheit ihrer wertbestimmenden Eigenschaften erzielen, werden nach den 3 Jahren vom Bundessortenamt zugelassen. Im Durchschnitt sind dieses ca. 20 Prozent der angemeldeten Sorten. Darüber hinaus muss eine Unterscheidbarkeit von anderen Sorten gegeben sein, sowie eine Homogenität und Beständigkeit im Anbau.


Dem Produktionsanbau auf dem Feld - nach etwa 10 Jahren - geht somit eine jahrelange Züchtungsarbeit voraus, die mit der 3-jährigen Wertprüfung endet.

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